Denn das Leben hat noch etwas viel besseres mit mir vor

 

Mit 18 beende ich die Schule. Mit einem Schnitt von 2,1 im Abi schneide ich zu meiner eigenen und der Zufriedenheit meiner Eltern gut ab und viele Türen stehen mir offen. Schön und gut, doch überfordert mich die große Auswahl an Möglichkeiten eher, als dass ich Dankbarkeit verspüre. Zu meinem großen Glück habe ich von zu Hause aus nicht den Druck, mich sofort entscheiden zu müssen, wie es nun weiter gehen soll und reise im Sommer nach meinem Abi erst einmal mit meiner guten Freundin, Regine, nach Spanien, um dort den Jakobsweg zu laufen. Ein Erlebnis, das mich um unzählige wundervolle Erfahrungen reicher macht, mich in meiner Entscheidungsfindung bezüglich meines Berufswunsches aber dennoch nicht weiter bringt. Ungefähr einen Monat nachdem Regine und ich von unserer Pilgerreise zurück kommen, lerne ich meinen Freund kennen. Ich habe mir zu diesem Zeitpunkt bereits in den Kopf gesetzt, im Folgejahr für 10 Monate nach Argentinien zu gehen. Spanisch lernen und sehen, wohin es mich führt. Doch es hat mich schwer erwischt und so ändern sich meine Pläne. Weil ich mich schon seit ich 14 war leidenschaftlich mit Fotografie beschäftige, erkundige ich mich nach Möglichkeiten, mein Hobby zum Beruf zu machen. Ich fahre nach Dortmund, um mir vor Ort den Studiengang „Fotografie“ anzusehen. Ich bin nicht überzeugt, halte aber trotzdem an der Idee fest, Fotografie könne meine Bestimmung sein. Also bewerbe ich mich bei einem Fotografen in Hamburg um ein Praktikum. Ich werde zum Vorstellungsgespräch eingeladen, fahre nach Hamburg und bekomme noch am selben Tag Bescheid, dass ich den Praktikumsplatz bekomme. Im Februar 2013 ist es dann so weit und ich ziehe zum ersten Mal in eine andere Stadt. Für die Zeit meines Praktikums werde ich bei meiner Großcousine und ihrem Sohn wohnen. Das Praktikum ist interessant, doch ich stelle recht schnell fest, dass ich mich nicht allzu lang mit Hautretusche und der Verbesserung weiblicher Proportionen in Photoshop befassen möchte und meinem Leben lieber einen tieferen Sinn verleihen will. Ich beende das Praktikum vorzeitig und frage stattdessen an der Schule hinter dem Haus, in dem ich mit meiner Großcousine wohne, ob es möglich sei, hier ein zweiwöchiges Schnupperpraktikum zu machen. Ich habe Glück und kann zum für mich nächstmöglichen Zeitpunkt beginnen. An der Schule gerate ich zu meiner Begeisterung an eine sehr offene Lehrerin, die mir sogar anbietet, auch selbst zu unterrichten, statt immer nur mitzulaufen. So kommt es, dass ich innerhalb eines zweiwöchigen Praktikums zum ersten Mal eine fünfte Klasse in Englisch unterrichte. Die Klasse ist nett und das Unterrichten macht mir Spaß. Schon während meiner eigenen Schulzeit hat mir einer meiner Lehrer nahegelegt, ich solle Lehrerin werden, da er in mir das Potenzial dafür sah. Also warum eigentlich nicht? Den Großteil meiner eigenen Lehrer habe ich nie für voll genommen, weil sie ihren Job nicht für voll genommen haben, und dies könnte meine Chance sein, es selbst anders zu machen. Euphorisch und erleichtert, endlich meine Bestimmung gefunden zu haben, bewerbe ich mich um Studienplätze für Englisch bzw. Französisch und Geographie in verschiedenen Städten. Für meinen Freund, der im selben Jahr gerade seine Fachhochschulreife nachgeholt hat, schicke ich für die jeweiligen Städte ebenfalls Bewerbungen für verschiedene Studiengänge raus. Er weiß sowieso nicht, was er machen soll. Es verschlägt uns nach Münster und vor allem ich bin total happy, weil das meine Wunschstadt zum Studieren war.

Ich studiere 8 Semester Englisch und Geographie auf Lehramt. Ich lerne, was „akademisch“ bedeutet und wie man wissenschaftlich arbeitet. Ich lese Texte von Theoretikern für Theoretiker. Immer mehr festigt sich in meinem Kopf das Bild einer schwebenden Blase, in der Akademiker über Theorien und Methoden debattieren, während sie sich immer weiter vom Planeten Erde entfernen. Klar, manche Lehren haben durchaus ihren Reiz und vor allem die Diskurstheorie hat meinen Horizont und meine Art, Dinge zu hinterfragen, enorm beeinflusst. Und natürlich sind auch nicht alle Theorien so lebensfremd, wie gerade angedeutet. Doch mit dem Großteil des Konzeptes „Lehramtsstudium“ kann ich mich partout nicht identifizieren. Wann soll ich denn eigentlich lernen, wie man eine Unterrichtsstunde vorbereitet, wie ich im Schulalltag mit mobbenden und gemobbten Schülern umgehen soll und wie ich das Potenzial in jedem Einzelnen erkennen, fördern und fordern kann? Und warum habe ich in 10 Semestern Bachelor und Master eigentlich nur einen einzigen läppischen Grammatikkurs in Englisch? Habe ich vor Studienantritt irgendwo unterschrieben, dass ich sämtliche Grammatikeinheiten bereits im Schlaf beherrsche?
Im Laufe meines Studiums macht sich in mir das Gefühl breit, dass ich meine Bestimmung vielleicht doch noch nicht gefunden habe. Doch bisher sind es ja nur das Studium und die Uni, die mir nicht gefallen. Da muss ich jetzt nunmal durch, wenn ich Lehrerin werden will. Ist halt – leider – kein Ausbildungsberuf! Doch trotz dieser Erkenntnis will mein ungutes Bauchgefühl nicht verschwinden. Einmal teilt mir meine Mutter mit, Papa mache sich Sorgen, ich könne mein Studium abbrechen. Sofort gehe ich in Verteidigungsposition und sage, dass ich mein Studium „auf jeden Fall durchziehe“. Huch, warum denn so energisch?
Ich bin froh, meinen Weg gefunden zu haben und die Unentschlossenheit hinsichtlich meines Berufswunsches nach dem Abi abgelegt zu haben. Lehrerin ist doch genau mein Ding, oder?
Als ich im Sommer 2017 meinen dreimonatigen Auslandsaufenthalt für das Englischstudium in Kanada verbringe, treten meine Zweifel immer mehr zum Vorschein. Über Instagram habe ich eine Hobbyfotografin und Naturliebhaberin aus Hamilton kennen gelernt, mit der ich mich zum Wandern und Wasserfälle fotografieren treffe. Wir sind auf einer Wellenlänge und führen gute Gespräche über das Leben. Dabei komme ich auf meine Zukunft zu sprechen und gebe erstmals dem Bedürfnis nach, meine Zweifel in Worte zu fassen. So weit weg von zu Hause habe ich nicht das Gefühl, mich für meine Zweifel rechtfertigen zu müssen oder die Befürchtung, ich könne für meine erneute Unentschlossenheit verurteilt werden. Ich erzähle Alicia von meinen Zweifeln und realisiere dabei, dass es vor allem die Angst ist, meine Eltern zu enttäuschen, die mich davon abhält, mich weiter mit dem Gedanken, einen anderen Lebensweg einzuschlagen, zu befassen. Ihre sofortige Antwort darauf ist, dass ich nicht vergessen darf, dass ich mein Leben und nicht das meiner Eltern lebe und dass ich am Ende mir selbst gegenüber Rechenschaft schuldig bin. Sie hat recht, aber dennoch macht sich in mir ein schlechtes Gewissen breit, wenn ich darüber nachdenke, meinen Eltern erzählen zu müssen, dass sie mich drei Jahre umsonst finanziert und unterstützt haben.
Meine Eltern haben mich nie unter Druck gesetzt und mir immer sehr viel Vertrauen geschenkt, wenn es darum ging, was ich in und mit meinem Leben mache. Dafür bin ich sehr dankbar! Ich kenne andere Studierende, deren Eltern regelmäßig überprüfen, welche Leistungen bereits erbracht und was für Ergebnisse erzielt wurden. Ich weiß, dass meinen Eltern viel daran gelegen ist, dass ich glücklich und zufrieden bin. Doch gerade weil meine Eltern mir immer so viel Vertrauen geschenkt haben, möchte ich sie unter keinen Umständen enttäuschen (wer will das schon?) und ihnen keinen Grund geben, sich zu sorgen. Daher sind sie ein großer Grund – wenn nicht sogar der größte – weshalb ich mich so schwer tue, meine Zweifel zuzulassen.
Doch nun habe ich zum ersten Mal in Worte gefasst, was mir mein Bauchgefühl schon seit langem versucht zu vermitteln. Und trotz der räumlichen Distanz, die zwischen Kanada und Deutschland liegt, muss ich mich in diesem Moment zwar vor niemandem aus meinem Familien- und Freundeskreis rechtfertigen. Doch spätestens beim nächsten Gespräch über mein Studium und meine berufliche Zukunft habe ich die Wahl zwischen der Austragung eines inneren Konfliktes mit mir selbst, indem ich weiterhin behaupte, Lehrerin sei meine Berufung, und einem offiziellen Zugeständnis, dass ich mich wohl doch noch nicht auf dem für mich richtigen Weg befinde. Die Gedanken und Zweifel einmal in Form von Worten an die Oberfläche gebracht, bewege ich mich Richtung Einbahnstraße. Ich bin vor allem mir selbst gegenüber Rechenschaft schuldig und wie könnte ich es rechtfertigen, auf einem Kontinent Aussage X zu tätigen und auf dem anderen Kontinent Handlung Y nachzugehen, die Aussage X widerspricht?
Während der letzten Woche meines Kanadaaufenthaltes reise ich in verschiedene Städte und lerne verschiedene Menschen kennen. Die Frage nach meiner Tätigkeit in Deutschland wird bei jeder Begegnung gestellt und meine zweifelnden Gedanken reproduziert. Bis ich schließlich in Montréal jemanden treffe und ihm erzähle, dass mein eigentlicher Traum ist, finanziell und örtlich unabhängig zu sein und mich das Internet und die Möglichkeiten, die es eröffnet, interessiert. In mir scheinen schon mehr Vorstellungen von dem, was ich eigentlich machen will, zu schlummern, als mir bewusst war! Wieder denke ich mir heute: alles was ich brauche, steckt bereits in mir.

Ich reise zurück nach Deutschland und es vergehen ein paar Tage, bis ich auch auf dieser Seite der Erde zu Wort bringe, was meine Gedanken umhertreibt. Am 22. September besuche ich zusammen mit meiner Mutter das zweitägige Event „Die Kunst Dein Ding Zu Machen“ von und mit Christian Bischoff. Ursprünglich hatte ich die Tickets für meinen Freund und mich gekauft, doch er muss nun leider arbeiten – zum Glück meiner Mutter, denn nun kann sie mich begleiten. Auf der Veranstaltung werden Glaubenssätze gelöst und Energien freigesetzt, von denen ich vorher nicht wusste, dass sie in mir steckten. Gegen Ende des ersten Tages spricht der Persönlichkeitscoach Christian Bischoff verschiedene Altersgruppen im Publikum an und gibt ihnen Ratschläge für die jeweilige Phase ihres Lebens. Als er zu den 20-30-Jährigen spricht und damit auch ich mich angesprochen fühle, erzählt er aus seiner eigenen Vergangenheit. Als er Anfang 20 war, hatte er sich für ein Lehramtsstudium eingeschrieben. Als er jedoch zum ersten Mal ein Praktikum an einer Schule machte, entschied er schnell, dass dies nicht der Ort seiner Zukunft sein solle. Die Atmosphäre, der nicht vorhandene Teamgeist und die Arbeitseinstellung im Lehrerzimmer entsprach ihm nicht und so exmatrikulierte er sich. Diese Anekdote erscheint mir wie ein Zeichen. Abends gehen meine Mutter und ich noch in Bielefelds Innenstadt einen Wein trinken. Nach zwei Gläsern nehme ich all meinen Mut zusammen und sage „Mama, ich glaube nicht, dass ich Lehrerin werde.“ Während ich diese Zeilen schreibe empfinde ich so eine Erleichterung und Glückseligkeit, dass mir die Tränen kommen. Denn ihre erste Reaktion war – und dafür bin ich unglaublich dankbar: „Ich habe dich sowieso nie im Lehrerzimmer gesehen.“ Wow, besser hätte sie nicht reagieren können! Mir fällt eine große Last von den Schultern und weil ich nun auch die Gewissheit habe, dass meine Mutter hinter mir steht, bin ich geradezu beflügelt. Weil ich weiß, dass mein Vater diese Neuigkeit nicht ganz so leicht verdauen wird, möchte ich gerne noch etwas Zeit vergehen lassen, bis ich auch ihm von meiner Sinneswandlung erzähle. Meinem Freund schicke ich wenige Minuten nach dem Gespräch mit meiner Mutter eine Sprachnachricht und erzähle ihm, was gerade passiert ist. Für ihn muss es ebenso eine Überraschung sein, denn ich habe auch ihm noch nichts von meinem Entschluss erzählt. Allerdings hatte auch er – wie damals mein Vater – schon einmal Zweifel an meinem Studium zum Ausdruck gebracht, die ich jedoch vehement zu vernichten versucht habe.Nach dem Event in Bielefeld bin ich für mehrere Tage und Wochen gefühlt dreimal so stark wie zuvor und mein Körper scheint die Endorphinproduktion auf Hochtouren zu betreiben. Jeden Morgen stehe ich mit einem Grinsen auf und fühle mich, als könnte ich Bäume ausreißen. Das liegt zum Einen an den neuen Erkenntnissen, die ich in dem Seminar gewonnen habe, zum anderen aber auch an der großen Erleichterung über meine Verkündung, die immer noch nachwirkt. Ich habe mir und meiner Mutter versprochen, dass ich meinen Bachelor definitiv noch beenden werde. Mir fehlt lediglich noch die Bachelorarbeit und ein Bericht über meinen Aufenthalt in Kanada. Es geht nun darum, mich zu sortieren und Prioritäten zu setzen. Naja, oder vielleicht geht es erstmal darum zu lernen, Prioritäten zu setzen. Da schlummert nämlich noch einiges an ungenutztem Potenzial in mir! Ich berichte jedem, dem ich begegne von meiner Entscheidung und kann es kaum abwarten, auch dem Rest meiner Familie davon zu berichten.

Drei Wochen nach Bielefeld fahre ich zu meinen Eltern – fest entschlossen, nun auch meinen Vater aufzuklären. Meine Mutter hatte mich bereits angerufen und mich gebeten, es ihm nun auch endlich zu erzählen, da es ihr schwer fällt, es ihm zu verheimlichen. An einem Freitag Abend sitze ich mit meinem Vater am Esstisch und wir unterhalten uns. In meinem Kopf die ganze Zeit der Entschluss, ihm nun gleich zu erzählen, dass seine Tochter leider doch nicht in den „Genuss“ kommt, Lehrerin zu werden und somit den sicheren Beamtenstatus zu erlangen (denn das war für ihn immer eine große Beruhigung). Mein Herz schlägt schneller als gewöhnlich und ich kann mich kaum auf die Themen konzentrieren, um die es gerade geht. Auf einmal sage ich „Papa, ich muss dir etwas sagen.“ – Stille. Ich kann quasi sehen und hören, wie es in seinem Kopf zu rattern beginnt und informiere ihn direkt, dass ich nicht schwanger bin. Er kommt schließlich von selbst drauf und fragt vorsichtig „Uni?“. Ich erzähle ihm das, was ich vor drei Wochen auch schon meiner Mutter gesagt habe und zu meiner Erleichterung trägt mein Vater, für den Sicherheit im Job ein riesen Thema ist, die Neuigkeit mit Fassung. Weil ich noch auf einen Geburtstag muss, bleibt nicht unendlich viel Zeit, um über mich und meine Zukunft zu reden. Ich weiß, dass mein Vater nun zu grübeln beginnt und ihm vermutlich all die elterlichen Sorgen in den Kopf steigen, die meine Entscheidung mit sich bringt. Aber da muss er jetzt leider durch. Ich glaube an mich und meinen Erfolg und weiß, dass seine Sorgen keine Früchte tragen werden.

Ich habe keinen exakten Plan B für meine Zukunft, aber den benötige ich auch nicht. Aktuell läuft alles so gut wie es nur laufen könnte und ich bin überglücklich. Mit meinem Job als Freizeitbetreuerin und Lehrerin an einer Sprachschule halte ich mich finanziell über Wasser und habe trotzdem noch ausreichend Zeit, um mich nebenher mit meiner persönlichen Weiterbildung zu befassen. Die Bachelorarbeit möchte ich nach wie vor noch schreiben, allerdings muss ich erstmal meine Gedanken und Vorhaben ordnen, um Platz in meinem Kopf für diesen vorerst letzten akademischen Meilenstein zu schaffen. Ich blicke voller Vorfreude auf das nächste Jahr und meine Zukunft und bin gespannt, was das Leben zu bieten hat. Die Gewissheit, mein Leben nicht in einem vorgegebenen System zu verbringen, sondern die Aussicht zu haben, selbstständig zu arbeiten und flexibel zu sein, hat einen unglaublichen Fluss an Kreativität und Ideen in mir freigesetzt. Es ist, als hätte sich eine Schrank geöffnet, die mich die letzten Jahre blockiert hat. Denn das Leben hat noch etwas viel besseres mit mir vor, als mich als Lehrerin an eine Schule zu schicken.

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