Alles, was du brauchst, steckt bereits in dir

 

Alles was ich brauche, steckt bereits in mir. Dieser ist einer der Sätze, die ich auf Christian Bischoffs Seminar „Die Kunst, dein Ding zu machen“ gelernt habe, um sie jeden Morgen meinem Spiegelbild aufzusagen. Wie wahr dieser Satz ist, wurde mir heute bewusst, als ich einen von mir verfassten Text wiedergefunden habe, den ich 2013 für die Taufe meines Patenkindes geschrieben habe:

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile aus geschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
Und er spannt nur mit seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.
(Khalil Gibran)
Lieber Paul,
Noch bist du so klein. Weitestgehend unberührt von den Einflüssen des Lebens. Unvoreingenommen wächst und gedeihst du, um das Leben, die Welt und deren Vielfalt zu entdecken und auszukosten. Bald wirst du deine ersten Schritte wagen; wirst herausfinden, wie es ist, mit nackten Füßen über Sand, sattes, grünes Gras oder Asphalt zu laufen. Voller kindlicher Neugierde wirst du Regenwürmer aus dem Boden ziehen, sie auf ihren Proteingehalt prüfen, die Konsistenz von Sand zwischen den Zähnen testen, Wasser von seiner spaßigen Seite kennenlernen, feststellen, dass die Flamme einer Kerze oder eines Lagerfeuers, wenn sie auch noch so faszinierend ist, nicht zum Spielen geeignet ist. Du wirst schneller laufen wollen, als deine kleinen Beinchen dich schon tragen können. Mit Sprosse wirst du in einen harten Konkurrenzkampf treten, wenn s darum geht, wer den Keks zwischen deinen kleinen Fingerchen schneller im Mund hat. Du wirst uns viel zum Lachen bringen! Die Perspektive, aus der du nun die Welt entdeckst, ist unvorstellbar spannend! Manchmal wünsche ich mir, ich wäre noch einmal so klein und unwissend all der für mich nun schon gewöhnlichen Dinge.
Das Gefühl von Regenwürmern und Sand auf der Zunge wirst du schnell kennen und auch Wasser und Feuer werden für dich nicht ewig unergründlich sein. Irgendwann kommt für jeden die Zeit, in der er endlich erwachsen sein will. Keine Lust mehr, klein zu sein. Keine Lust mehr, Dinge nicht machen, sehen oder hören zu dürfen, weil „er ja noch ein Kind ist“ … Endlich frei sein und tun und lassen können, wozu man Lust hat. Doch so läuft das nicht. Erwachsen sein, bedeutet auch, sich in einer Schablone zu befinden, aus der es nur schwer ist, herauszutreten. Geprägt von Erfahrungen, Klischees und aufgedrückten Meinungen, festgefahren im Weltbild. Nichts mehr übrig von der kindlichen Neugierde.
Darum, lieber Paul, ist mein Wunsch für dich, dass du deinen kindlichen Frohsinn und deinen Entdeckerwillen nie verlierst. Sei dir nie zu schade, um Fragen zu stellen. Denn dumme Fragen gibt es nicht, es gibt nur dumme Antworten! Und vergiss nie, zu hinterfragen und den Vorhang beiseite zu schieben. Mach dir die Welt, wie sie dir gefällt. Und ich wünsche dir, dass du niemals aufhörst zu träumen und an deine Träume glaubst! Denn nur in unseren Träumen können wir wirklich frei sein.
(Johanna Gabriel, Frühjahr 2013)
Als ich die drei Handzettel, auf die ich den Text damals gedruckt hatte, heute in den Fingern hielt und meine Augen über die Zeilen wanderten, wurde ich zum ersten Mal von meinen eigenen Worten berührt. Was da stand, beinhaltete einige der Erkenntnisse, von denen ich dachte, ich hätte sie erst in den letzten Monaten, während ich angefangen habe, mich mit Persönlichkeitsentwicklung zu befassen, gewonnen. Doch offenbar steckte dieses Wissen, angestoßen durch das Gedicht von Khalil Gibran, schon damals, als ich noch am Anfang meines Bachelorstudiums stand und von Persönlichkeitsentwicklung und Lifecoaching noch keine Ahnung hatte, in mir. Das macht mich ein bisschen stolz und versetzt mir einen weiteren Motivationsschub. Der hermeneutische Zirkel kann scheinbar auch auf des Lesen selbst verfasster Texte angewandt werden. Erneut werde ich darin bestärkt, mich mehr mit Themen wie Spiritualität und Achtsamkeit zu befassen und der Entwicklung meiner eigenen Persönlichkeit den nötigen Raum zu geben.
Den letzten Satz würde ich heute allerdings anders formulieren:
Denn in unseren Träumen können wir frei sein und der feste Glaube an unsere Träume, kann Freiheit Wirklichkeit werden lassen.
Alles, was ich brauche, steckt bereits in mir. Das bedeutet, dass ich alles schaffen kann, was ich will. Das haben meine gute Freundin Regine und ich uns schon 2012 auf dem Jakobsweg immer gesagt, wenn wir mal erschöpft waren und dachten, es ginge nicht mehr weiter. Und auch alles, was DU brauchst, steckt bereits in DIR. Mach dich frei von dem Satz „Ich kann das nicht“ und siehe neue Aufgaben und Visionen lieber als Aufforderung, die Ressourcen aus dir herauszukitzeln und in deine Kraft zu kommen. Stärke deinen Willen und vor allem: glaube an dich! So, wie du als Baby die Ressourcen hattest, laufen zu lernen oder sprechen zu lernen, hast du auch heute die Ressourcen, neue Aufgaben zu bewältigen. Du musst sie nur aktivieren und abrufen. Manchmal braucht das hartes Training und Disziplin, und manchmal nur die richtigen Menschen, die deinen blinden Fleck sichtbar werden lassen und dir deine Potenziale und Ressourcen aufzeigen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.